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KAPSTADTS KREATIVE
Travel
26. August 2026

KAPSTADTS KREATIVE

© Kapstadts Kreative - Micha & Tom

KAPSTADTS KREATIVE

Mit ihrem Unternehmen Design Safaris geben das deutsch-südafrikanische Paar Micha und Tom Einblicke in Ateliers und zeigen Räume, in denen Kapstadt seine kreative Identität formt.

Wer Kapstadt besucht, bewegt sich zunächst durch bekannte Bilder. Die Linie des Tafelbergs, die Strände, das weite Licht über dem Atlantik. Doch die Stadt gewinnt an Tiefe, sobald man abbiegt. In ehemaligen Industriequartieren, kleinen Hinterhöfen oder unscheinbaren Häusern entstehen Ideen, Objekte, Formen und Erzählungen, die den Charakter Kapstadts prägen. Genau dort setzt die Arbeit von aēsplore an. Micha und Tom, Gründer und Partner, sprechen selten über Tourismus. Sie sprechen über Zugang. Über Räume, die man nur mit einer Einladung betritt, und über Begegnungen, die einen Ort anders lesbar machen. Tom formuliert es schlicht: „Viele Städte lernt man über ihre sichtbaren Highlights kennen. Uns interessiert, was dahinter liegt. Was eine Stadt von innen heraus gestaltet.“

Aus dieser Haltung entstand ihr Format Design Safaris. Es sind kuratierte Tageserlebnisse, die nicht auf Programmpunkte setzen, sondern auf Beziehungen. Die beiden haben über Jahre ein Netzwerk aufgebaut, das aus Architekten, Designerinnen, Künstlern und anderen Gestalterinnen besteht. Menschen, die in ihren Ateliers arbeiten und bereit sind, ihre Prozesse zu teilen. Diese Partner nennen sie „Originals“. Der Begriff beschreibt weniger ein Etikett als eine Haltung. Micha sagt dazu: „Es sind Menschen, die eine Stadt formen, indem sie handeln, nicht indem sie auftreten.“

Relevante Begegnungen

Die Touren folgen keinem standardisierten Ablauf. Jede Begegnung ist anders, weil jeder „Original“ anders arbeitet. Manchmal steht man in einem Studio, in dem der Geruch von Holz die Luft erfüllt. Manchmal in einem Raum, in dem Architekturentwürfe über den Boden verteilt liegen. Manchmal mitten in einem Gespräch über Materialherkunft, Stadtentwicklung oder Identität. Design Safaris sind Beobachtungsräume, keine Führungen. Dass das Konzept in Kapstadt besonders gut funktioniert, liegt an der Stadt selbst. Die kreative Szene ist international, agil und gleichzeitig tief lokal verwurzelt. Viele arbeiten mit Materialien aus der Region, anderen Kulturtraditionen oder neuen ökologischen Methoden. Wer hier gestaltet, setzt sich automatisch mit dem Ort auseinander. Und genau dieser Kontext macht die Begegnungen so relevant. Man sieht nicht nur Werke, sondern auch Haltungen.

Für Micha und Tom ist aesploring (aesthetic exploring), wie sie es nennen, eine Art des Reisens, die Verbindungen schafft. Zwischen Gästen und den Menschen hinter den Projekten. Zwischen der Stadt und ihren verborgenen Räumen. Zwischen dem Sichtbaren und dem, was erst im Gespräch entsteht. Es ist ein Ansatz, der weder laut noch spektakulär sein muss, um nachhaltig zu wirken.

Nachhaltige Momente

Manchmal bleibt am Ende eines Tages ein Geruch in der Kleidung, eine Farbe im Kopf oder ein Satz, der nachhallt. Manchmal ist es nur ein Blick des „Original“, der sagt: Hier beginnt etwas. Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem man versteht, warum aēsplore eine neue Art des Reisens vorschlägt. Reisen, das verbindet und weiterwirkt.

Aus dieser Bewegung heraus entstehen Porträts, die sich nicht wie Beschreibungen lesen, sondern wie Begegnungen. Geschichten von Menschen, die Kapstadt formen und von Kapstadt geformt wurden. Ihre Ateliers, ihre Materialien, ihre Gedanken. Sie zeigen, was es bedeutet, eine Stadt über ihre kreativen Köpfe zu begreifen.

© Kapstadts Kreative - Brett Charles Seiler

BRETT CHARLES SEILER

Es gibt Künstler, deren Präsenz bereits ein eigenes Werk bildet. Brett gehört dazu. Wer ihm im Studio gegenübersitzt, versteht sofort, dass die Grenzen zwischen seinem Leben und seiner Kunst fließend sind. Seine Haut ist mit Tätowierungen bedeckt, viele davon selbst entworfen, kleine visuelle Notizen, die zu einer Art persönlichem Archiv geworden sind. Linien, Worte, Symbole. Sie erzählen eine Geschichte, die nicht lauter sein möchte, aber präzise ist. Genau wie seine Arbeit.

Brett gilt als eine der spannendsten jungen Stimmen der südafrikanischen Kunstszene. Internationale Galerien zeigen seine Werke, und doch bleibt seine Arbeitsweise erstaunlich leise. Im Atelier stapeln sich Holzplatten, Papierbögen, Wachsreste und kleine Fundstücke, deren Funktion sich erst im Gespräch erschließt. Seine Kunst entsteht aus reduzierten Materialien, aber nie aus Reduktion im Ausdruck. Hinter jeder Fläche steckt eine Haltung, hinter jeder Linie eine Überlegung.

Seine Themen kreisen um Nähe, Identität und Erinnerung. Queere Lebensrealitäten tauchen in seinen Bildern auf, oft nur als zarte Andeutung. Worte erscheinen, verschwinden, werden überlagert oder abgeschliffen. Nichts wirkt inszeniert. Vieles bleibt bewusst offen. Brett sagt selten eindeutig, was ein Werk bedeutet. Er lässt Raum zum Lesen, zum Fühlen, zum Missverstehen. Das macht seine Arbeiten zugänglich und zugleich tief.

Typografie spielt bei ihm eine zentrale Rolle: kurze Wörter, Fragmente, halbe Sätze. Sie stehen zwischen Zeichnung und Malerei wie Nachrichten, die man zufällig liest. Diese Zwischenräume sind es, die seine Werke so eindringlich machen. Man hat das Gefühl, in einen inneren Dialog einzutreten, ohne dass dieser Dialog laut ausgesprochen wird.

Im Studio herrscht ein Zustand des Unfertigen. Da hängen ältere Stücke neben neuen, manche angelehnt, manche noch völlig roh. Brett spricht darüber mit einer Gelassenheit, die zeigt, dass für ihn der Prozess wichtiger ist als das Ergebnis. Kunst ist hier keine abgeschlossene Geste, sondern ein fortlaufender Rhythmus. Sein eigenes Auftreten spiegelt das wider. Tätowiert, zurückhaltend, klar im Blick. Er wirkt wie ein Artefakt seiner eigenen Praxis. Kein Objekt, sondern ein lebendiges Dokument.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum Brett als Rising Star gilt. Seine Werke sind präzise und zurückhaltend zugleich. Sie führen nicht, sie öffnen. Und sie laden ein, die eigene Wahrnehmung zu verlangsamen. In einer Kunstszene, die oft nach Aufmerksamkeit verlangt, bleibt seine Stärke die stille Dringlichkeit.

© Kapstadts Kreative - Onesimo Bam

ONESIMO BAM

Onesimo gehört zu den Gestaltern, die sofort eine eigene Atmosphäre erzeugen. Noch bevor man seine Kleidung sieht, spürt man die Klarheit seines Denkens. Sein Blick ist aufmerksam, seine Bewegungen ruhig, und doch trägt alles, was er macht, eine feine Spannung in sich. Diese Energie prägt auch seine Arbeit, die sich mühelos zwischen Mode, Kunst und Performance bewegt.

Seine Mode hat eine architektonische Strenge: Linien, Volumen, Silhouetten sind durchdacht, beinahe konstruktiv. Doch die Strenge steht nie im Widerspruch zur Weichheit seiner erzählerischen Ebene. Für Onesimo ist Kleidung ein Medium der Kommunikation. Sie zeigt Selbstverständnis, nicht Inszenierung. Eine queere Perspektive schwingt in seiner Arbeit leise mit, ohne markiert oder erklärt zu werden. Sie zeigt sich in Offenheit, in Flexibilität, in der Art, wie seine Stücke Körper nicht definieren, sondern begleiten.

Ein zentraler Bestandteil seiner Praxis ist sein tiefes Interesse an Zusammenarbeit. Progression 1, eines seiner jüngsten Projekte, zeigt das deutlich. Fotografen, Performer, Musiker und Designer arbeiten gemeinsam an einem Prozess, der mehr ist als reine Kollektion. Es geht um Austausch, um Gemeinschaft, um eine gewisse Wechselseitigkeit, die man in seinen Kleidungsstücken spürt. Sie wirken wie tragbare Gedanken über Identität, Stadt und Zukunft.

Seine Inspiration entspringt oft den Straßen von Langa, einer Township bei Kapstadt. Gesten, Bewegungen, Begegnungen – er beobachtet, wie Kleidung im Alltag getragen, verändert, kombiniert wird. Aus diesen Eindrücken entstehen Stücke, die sowohl lokal verwurzelt als auch global verständlich sind. Onesimo sagt, dass Kleidung Reaktion sei. Reaktion auf Umfeld, Stimmung, Geschichte.

Sein Studio ist ein Ort, in dem Stoffe und Schnitte nebeneinander liegen, aber nie zufällig. Jeder Entwurf folgt einer inneren Logik. Gleichzeitig bleibt der Raum offen, durchlässig, fast wie ein Labor. Man spürt, dass seine Praxis nie abgeschlossen ist. Sie entwickelt sich mit jedem Gespräch weiter, mit jedem Projekt und jeder neuen Kooperation.

Onesimo zählt zu den wichtigsten kreativen Stimmen Kapstadts, nicht weil er trennt, sondern weil er verbindet. Seine Mode ist keine Darstellung, sondern Haltung. Sie schafft Räume für Identität und Ausdruck, ohne sie festzuschreiben. Und genau das macht seine Arbeit so zeitgemäß.

© Kapstadts Kreative - Michael Chandler

MICHAEL CHANDLER

Michael ist ein Gestalter, der Geschichte, Handwerk und Gegenwart zu einer eigenen Sprache verbindet. Sein Studio liegt im Herzen des farbenfrohen Bo Kaap, eingebettet in eine Nachbarschaft, die selbst wie ein lebendiges Archiv wirkt. Das Chandler House ist Atelier, Geschäft und kultureller Treffpunkt zugleich. Wer den kleinen Laden betritt, steht sofort inmitten von Geschichten. Alte Drucke, botanische Illustrationen, Keramiken und Stoffe wirken wie sorgfältig kuratierte Fundstücke, die den Raum in eine Art visuelles Tagebuch verwandeln.

Eine Besonderheit von Michaels Arbeit sind seine großformatigen Keramik-Murals. Sie haben ihm internationale Aufmerksamkeit eingebracht und finden sich z. B. in Kapstadt, Marrakesch oder Miami und in Kalifornien. Jedes Mural ist ein präzise komponiertes Werk, das Flora, Fauna und historische Referenzen miteinander verbindet. Die handgefertigten Fliesen ergeben Bilder, die monumental wirken, aber in ihrer Materialität warm bleiben.

Wer durch Bo Kaap spaziert, erkennt Michaels Handschrift schnell. Kleine Keramik-Hausnummern, von ihm gestaltet und der Nachbarschaft geschenkt, schmücken zahlreiche Fassaden. Diese Geste zeigt viel von seiner Haltung: Für ihn ist Gestaltung keine Distanz, sondern Beziehung. Etwas, das im Alltag sichtbar wird und die Gemeinschaft stärkt.

Im Studio arbeitet Michael mit einer Klarheit, die seine Designs prägt. Jedes Objekt, jede Linie, jede Farbe ist bewusst gesetzt. Sein Interesse gilt der kulturellen Geschichte Kapstadts, die er nicht konserviert, sondern weiterführt. In seinen Arbeiten treffen Tradition und zeitgenössische Formensprache aufeinander, ohne einander zu überlagern. Sie ergänzen sich.

Michael schafft Objekte und Murals, die nicht nur ästhetisch überzeugend sind, sondern auch zeigen, wie Geschichten in Materialien weiterleben. Sein Werk macht sichtbar, wie Design eine Stadt prägen kann, nicht durch Lautstärke, sondern durch Sorgfalt, Nähe und Beständigkeit.

© Kapstadts Kreative - Joel Mamboka

JOEL MAMBOKA

Joel trägt eine besondere Eleganz in sich. Seine Kleidung, oft inspiriert von der kongolesischen SAPE-Bewegung, wirkt wie eine bewusste Fortführung seiner künstlerischen Praxis. Stil versteht er als Haltung, als Form der Selbstbehauptung und als Spiegel einer kulturellen Geschichte, die ihn seit seiner Kindheit in Kinshasa begleitet. Heute lebt und arbeitet er in Kapstadt und verbindet beide Welten in einer Bildsprache, die persönlich und zugleich universell lesbar ist.

In seinen Werken mischt Joel Öl, Stoffe, Fundobjekte und Tapetenfragmente zu vielschichtigen Kompositionen. Abgenutzte Muster und übereinanderliegende Stofflagen, die erst im Zusammenspiel Bedeutung erhalten, erzeugen eine visuelle Tiefe, die Erinnerungen gleicht. Seine Porträts zeigen Menschen in Momenten von Freude, Ruhe oder Verbundenheit. Die Figuren wirken konzentriert und präsent, als würden sie einen Gedanken festhalten, bevor er wieder entgleitet.

Textile Techniken aus Kinshasa, insbesondere das Prinzip des Patchworks, sind ein zentrales Element seiner Arbeit. Identität erscheint bei Joel nicht als glatte Oberfläche, sondern als Geflecht aus einzelnen Teilen. Die Eleganz der SAPE-Bewegung und ihre Idee, Stil als Ausdruck von Würde und kulturellem Selbstverständnis zu begreifen, bildet dabei einen wichtigen Bezugspunkt. Diese Verbindung aus Ästhetik, Geschichte und Haltung zieht sich durch sein gesamtes Werk.

Sein Studio in Kapstadt ist hell, mit Blick auf den Tafelberg. Auf einem großen Tisch liegen Stoffreste, Skizzen und kleine Artefakte, die nach und nach in seinen Bildern aufgehen. Der Raum ist ruhig, aber voller Energie. Und wenn Joel nicht hier ist, trifft man ihn oft im Zentrum der Stadt bei Open Wine: Zwischen Live-Jazz und Gesprächen mit anderen Kreativen sammelt er Eindrücke, Bewegungen und Stimmungen, die später Teil seiner Kompositionen werden.

Joels Kunst zeigt Identität als etwas Lebendiges, Vielschichtiges. Seine Werke sprechen leise, aber eindringlich, und bleiben lange im Blick.

www.designsafaris.com

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